Skandale & Affären

Samstag, 8. September 2007

Rudy und der 11. September

Die Anschläge des 11. September brachten dem damaligen Bürgermeister von New York ein erhebliches Maß an öffentlicher Aufmerksamkeit. Und er wusste dies zu nutzen: Die Bilder des Bürgermeisters, der hemdsärmelig direkt am Ort des Geschehens die Rettungsarbeiten persönlich überwacht, liefen über alle Kanäle und haben erheblich zu Rudy Giulianis Image als "Held von 9/11" beigetragen.

Ein Filmemacher erzählt nun eine etwas andere Geschichte. Die Geschichte eines Bürgermeisters, der wörtlich auf der Straße steht, weil er schlicht nirgendwo anders hin kann. Weil die Katastrophenschutz-Kommando-Zentrale in Schutt und Asche liegt. Eine Kommandozentrale, die der Bürgermeister selbst gegen den Rat aller Experten im World Trade Center hat einrichten lassen, obwohl dieses bereits vor Jahren Ziel eines Anschlags war. Weil es nah am Rathaus liegt, vom Bürgermeister und der ihn begleitenden Presse zu Fuß zu erreichen ist:


Dies ist nur eines von vielen angeblichen Versäumnissen, die auf der Website therealrudy.org zusammengetragen wurden. Hinter "the real rudy" steckt Brave New Films, die Medienfirma des Filmemachers Robert Greenwald, der in den vergangenen Jahren bereits Filme über die Wahlen 2000, den Krieg im Irak, die Geschäftspraktiken von Wal-Mart und die konservative FOX-Mediengruppe produzierte. Greenwald ist mit 25 Emmy-Nominierungen, zwei Golden-Globe-Nominierungen und einem Peabody-Award einer der Etablierten seines Fachs. Gleichzeitig ist er einer der engagiertesten liberalen Aktivisten in der amerikanischen Medienszene und spezialisiert auf virale Videos. The Real Rudy ist nicht sein erstes Projekt dieser Art: Auch John McCain musste schon die Aufmerksamkeit Greenwalds aushalten:

Donnerstag, 30. August 2007

When it rains, it pours

„When it rains, it pours“ ist ein amerikanisches Sprichwort, heisst wörtlich „wenn es regnet, schüttet es“ und ist sinngemäß mit „wenn es scheiße läuft, dann aber auch richtig“ zu übersetzen. Etwas in der Art dürften sich wohl auch Mitch McConnell (Kentucky) und John Boehner (Ohio), die Führer der Republikaner in Senat und Repräsentantenhaus in den letzten Wochen wiederholt gedacht haben. Im Irak geht es zwar militärisch allmählich voran, politisch ist aber kein Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Die Rücktritte von Mastermind Karl Rove, Pressesprecher Tony Snow und Justizminister Alberto Gonzales erzeugen, obwohl multikausal, eine Form von Endzeitstimmung im Weißen Haus. Und zu allem Überfluss setzt sich die Regelmäßigkeit, mit der republikanische Politiker Skandale produzieren, ungebrochen fort.
Neuester Kandidat in der Wertung „Bigotterie des Jahres“: Larry Craig, Senator aus Idaho. Craig gehört zu den konservativen Hardlinern in der republikanischen Senatsfraktion, denen die eigene Führung in der Regel nicht reaktionär genug ist. Während der Lewinsky-Affäre bezeichnete er Bill Clinton in einem Interview als „schmutzigen, unanständigen, schlimmen Jungen“.

Ein wahrer Kämpfer für Sitte und Anstand also – jedenfalls außerhalb öffentlicher Toiletten. In einer solchen ging Craig im Juli der Polizei ins Netz.
Sich auf Flughafentoiletten zu gleichgeschlechtlichem Sex zu verabreden hat sich in den USA offenbar derartig verbreitet, dass die Staatsgewalt zu der Auffassung gelangt ist, dagegen polizeilich vorgehen zu müssen - eine Tatsache, die von Craig öffentlich vermutlich ausdrücklichst gelobt wurde. Auf dem Flughafen Minneapolis-St.Paul in Wisconsin wurde nun der Herr Senator von einem Polizisten in Zivil festgenommen, weil er eben jenem gegenüber eindeutig-anzügliche Hinweise und Gesten machte (das offizielle Anklageschreiben mit allen Details) In der Hoffnung, dass ihm seine Stellung behilflich sein würde, aus dieser unangenehmen Geschichte rauszukommen, legte Craig dem Polizisten seinen Senatsausweis vor und fragte ihn, was er denn davon hielte. Offenbar nicht viel – das juristische Ende der Geschichte bestand aus einen Geständnis und der Zahlung einer Geldstrafe. Craig erzählte niemandem etwas davon und hoffte offenbar, damit durchzukommen. Pustekuchen! Eine konservative (!!) Zeitung grub die Sache aus. Blöderweise gehen die ersten Gerüchte über sexuelle Verfehlungen des Senators nämlich bereits auf das Jahr 1982 zurück – eine Fortsetzungsgeschichte also. Die Führung der Republikaner im Senat hat jedenfalls prompt reagiert, sich distanziert*, Craig zum Rücktritt aufgefordert und den Ethikausschuss des Senates beauftragt, sich der Sache anzunehmen – eine ungewöhnlich deutliche Reaktion der skandalerfahrenen Republikaner. Craig ist zwar gestern noch einmal in die Offensive gegangen (Modell erwischter Republikaner, immer wieder gern genommen: Fototermin mit Gattin, Umarmung, gegenseitige Liebeserklärungen, dazu Statement „Ich bin nich schwul, noch nie gewesen“ oder „Ich hatte keinen Sex mit dieser Frau“, je nach Anlass). Das wird ihm aber wohl nix nützen.
(*Apropos Distanzierung: Was Craig im politischen Prozess, vor allem von seinen Parteifreunden angelastet wird, sind seine Handlungen selbst, nicht die Tatsache, dass sie nicht zu seinem offiziellen politischen Programm passt. Davon will ich mich an dieser Stelle mal distanzieren, um da keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Wie und mit wem ein Politiker sein Sexualleben gestaltet, is mir völlig wurscht oder, um Volker Pispers zu zitieren: „Da könnte auch mal ein Schaf oder ne Ziege dabei sein“. Problematisch ist für mich ausschließlich, dass Craig meint, in einer offen homophoben Partei auch noch rechten Rand spielen zu müssen – und bei weitem nicht der einzige ist, der trotz (oder wegen?) eigener Homosexualität nach außen hin Homosexuelle wahlweise in Haftanstalten oder Umerziehungscamps stecken will. Von daher kann ich aus voller Überzeugung sagen: Geschieht ihm Recht!)

Soweit die Story (schöner Bericht mit ausführlicher Darstellung von Craigs Abstimmungsverhalten im Komplex Familie, Sitte, Anstand und Homosexualität bei CNN). Was hat das aber nu alles mit der Wahl 2008 zu tun. Nun Dreierlei:
  1. Craig ist ein sog. Klasse-2-Senator. Die Klasse 2 sind die 33 Senatoren, die 2002 gewählt wurden und folglich 2008 zur Wiederwahl anstehen. Idaho ist eine der Hochburgen der Republikaner, so dass vor 2 Wochen alles noch nach einer unkomplizierten Wiederwahl aussah. Das freilich stellt sich jetzt anders dar. So gibt es nun drei Szenarien:
    • Craig tritt sofort zurück. Daraufhin ernennt der (republikanische) Gouverneur einen neuen (vermutlich republikanischen) Senator, der in der Zwischenzeit amtiert, sich 2008 der Wahl stellt und vermutlich gewählt wird
    • Craig bringt seine Amtszeit zu Ende, verzichtet aber auf eine neue Amtszeit. Dann wird die republikanische Partei einen Kandidaten für 2008 aufstellen, der dann ohne Amtsbonus in den Wahlkampf muss, aber vermutlich trotzdem gewählt wird
    • Craig tritt trotz massiven innerparteilichen Drucks noch einmal an. Dann haben die Demokraten vielleicht eine Chance, diesen Staat zu gewinnen. Und wenn Idaho auch noch in den Pott der umkämpften Staaten kommt, haben die Demokraten allmählich die Chance, bei der Kongresswahl auf 60 Senatoren zu kommen – eine wichtige Hürde für die Gesetzgebung.
    Bisher hat Craig noch nicht erklärt, ob und wann er seine politische Karriere zu beenden gedenkt.
  2. Craig war im Senat einer der wichtigsten Unterstützer des Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney und dessen Chefunterstützer in Idaho. Romney hat sich zwar schnell und scharf distanziert (ihn sogar in einen Topf mit Bill Clinton geworfen – Höchststrafe), aber ein bischen was bleibt ja immer hängen.
  3. Diese Geschichte ist nur die jüngste Folge einer ganzen Reihe von Skandalen, die seit Jahren andauert und den Republikanern die Niederlage bei den Kongresswahlen vor einem Jahr beschert hatte – die Demokraten standen ja eher amüsiert-unbeteiligt daneben und brauchten nur noch die Scherben einzusammeln. Moralische Verfehlungen sind in den USA eben bedeutsamer als politische Schweinereien wie illegale Abhöraktionen, Folter etc. Und so könnte bei weiteren Skandalen wieder eine Situation wie 2006 entstehen, in der die Republikaner so schwer getroffen sind, dass sie selbst mit Jesus Christus als Spitzenkandidat keine Chance aufs Weiße Haus hätten.

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